Energetische Sanierung in vier einfachen Schritten

Die energetische Sanierung von Gebäuden gilt vielen Bauherren als teures und kompliziertes Unterfangen. Doch der Berliner Architekt Taco Holthuizen zeigt mit seinem Planungsbüro eZeit Ingenieure, dass die Wärmewende einfacher und günstiger sein kann als gedacht – und sich vom ersten Tag an rechnet. Im Berliner Viertel Lichterfelde-Süd werden derzeit 800 Wohnungen der Genossenschaft Märkische Scholle nach seinem Konzept saniert. Das Ergebnis: drastisch gesunkener Energieverbrauch bei nur moderat gestiegener Warmmiete.

Das Prinzip: Vorhandene Energie nutzen statt verschwenden

Holthuizens Ansatz beruht auf einer einfachen Erkenntnis: In jedem Gebäude steckt bereits nutzbare Energie, die normalerweise ungenutzt entweicht. Statt sich allein auf aufwendige Dämmmaßnahmen zu konzentrieren, setzt sein Konzept auf die Rückgewinnung von Abwärme, die aktive Nutzung der Sonnenenergie und die saisonale Speicherung von Wärme im Erdreich. Dadurch lassen sich auch Bestandsgebäude ohne extreme Eingriffe in die Bausubstanz fit für die Zukunft machen.

Die Zahlen aus Lichterfelde-Süd sprechen für sich: Vor der Sanierung benötigten die Wohnungen rund 200 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr für Heizung und Warmwasser. Nach der Umstellung sind es nur noch 30 Kilowattstunden – eine Reduktion um 85 Prozent. Die Warmmiete stieg dabei lediglich um 0,50 bis 1 Euro pro Quadratmeter, was für die Bewohner durch die eingesparten Energiekosten mehr als ausgeglichen wird.

„Die Sanierung spart vom ersten Tag an Geld, wenn man sie richtig angeht und die um uns vorhandene Energie zu einem gewissen Teil in das Haus hinein bekommt.“

Schritt 1: Wärmerückgewinnung aus der Raumluft

Ein zentraler Baustein ist die Rückgewinnung von Wärme, die im Alltag ohnehin entsteht: durch Beleuchtung, Kochen, Duschen oder auch die Abwärme von Elektrogeräten. Diese warme Raumluft wird über ein Rohrsystem abgesaugt und einer Wärmepumpe zugeführt, die im Keller oder auf dem Dachboden installiert ist. Die Wärmepumpe entzieht der Luft die Energie und speist sie zurück in den Heizkreislauf.

Laut Holthuizen lassen sich so 25 bis 30 Prozent des Energiebedarfs einer Wohnung decken – und das ganzjährig, denn die Abwärme fällt unabhängig von der Außentemperatur an. Ein angenehmer Nebeneffekt: Beim Absaugen der warmen Luft wird auch die feuchte Luft abtransportiert, wodurch die Schimmelgefahr deutlich sinkt. Dieses System lässt sich in nahezu jedem Gebäude nachrüsten, ohne dass die Bewohner ihr Verhalten ändern müssen.

Schritt 2: Solarenergie vom eigenen Dach

Photovoltaik und Solarthermie spielen in Holthuizens Konzept eine tragende Rolle. Auf den Dächern der sanierten Wohnanlagen werden Solarmodule installiert, die kostenlos Sonnenenergie sammeln und daraus sowohl Strom als auch Warmwasser erzeugen. In Lichterfelde-Süd decken die Solaranlagen rund 50 Prozent des gesamten Energiebedarfs der Bewohner ab.

Besonders clever: Die Solaranlage ist so dimensioniert, dass sie an sonnigen Tagen nicht nur den aktuellen Bedarf deckt, sondern auch überschüssige Energie liefert. Diese wird genutzt, um das Wasser in einem zentralen Wärmespeicher der Siedlung auf die gewünschte Temperatur zu bringen. So steht auch nach Sonnenuntergang oder an bewölkten Tagen ausreichend warmes Wasser zur Verfügung, ohne dass zusätzliche Energie zugekauft werden muss.

Schritt 3: Erdwärmespeicher als saisonaler Puffer

Ein weiteres Element ist der Erdwärmespeicher, den Holthuizen gemeinsam mit seinem Partner Dietmar Deunert entwickelt hat. Dabei wird überschüssige Wärme aus dem Sommer in das Erdreich unter dem Gebäude geleitet und dort gespeichert. Im Winter kann diese Wärme dann wieder entnommen und zum Heizen genutzt werden.

Dieser saisonale Ausgleich ist besonders wertvoll, weil er die Schwankungen zwischen Angebot und Nachfrage ausgleicht: Im Sommer fällt mehr Sonnenenergie an, als direkt verbraucht werden kann, während im Winter der Wärmebedarf am höchsten ist. Der Erdwärmespeicher fungiert als riesige Batterie, die diese Energie über Monate hinweg konserviert. Dadurch reduziert sich der Bedarf an extern zugeführter Energie nochmals erheblich.

Schritt 4: Intelligente Steuerung und Vernetzung

Damit alle Komponenten optimal zusammenarbeiten, setzt Holthuizen auf eine intelligente Steuerung. Sensoren erfassen kontinuierlich Temperaturen, Feuchtigkeit und Energieflüsse im Gebäude. Eine zentrale Regelung entscheidet dann, ob die Wärme aus der Raumluft, der Solaranlage oder dem Erdwärmespeicher bezogen wird – immer mit dem Ziel, den Gesamtenergieverbrauch zu minimieren.

Diese Vernetzung macht das System effizient und anpassungsfähig. Ändern sich die Wetterbedingungen oder das Nutzerverhalten, reagiert die Steuerung automatisch. Für die Bewohner bedeutet das: Sie müssen sich um nichts kümmern und genießen trotzdem konstant angenehme Temperaturen und warmes Wasser. Die Technik arbeitet im Hintergrund und sorgt dafür, dass keine Energie verschwendet wird.

Warum sich die Sanierung sofort rechnet

Ein häufiges Argument gegen energetische Sanierungen sind die hohen Anfangsinvestitionen. Holthuizen hält dagegen: Wer die vorhandene Energie im Gebäude konsequent nutzt, kann auf teure Dämmstoffpakete oder den Austausch aller Fenster verzichten. Die Kosten für Wärmerückgewinnung, Solaranlage und Erdwärmespeicher sind überschaubar und amortisieren sich durch die massiv sinkenden Energiekosten oft schon nach wenigen Jahren.

In Lichterfelde-Süd zeigt sich, dass die Warmmiete trotz der Investitionen nur moderat steigt – um 0,50 bis 1 Euro pro Quadratmeter. Gleichzeitig sinken die Nebenkosten für Heizung und Warmwasser drastisch, sodass die Bewohner unterm Strich sogar Geld sparen. Für Vermieter und Genossenschaften bedeutet das: Die Sanierung ist kein Verlustgeschäft, sondern eine wirtschaftlich sinnvolle Investition in die Zukunft.

  • Wärmerückgewinnung nutzt Abwärme aus dem Alltag und senkt den Energiebedarf um 25–30 %.
  • Solarenergie vom Dach deckt etwa die Hälfte des gesamten Energiebedarfs.
  • Erdwärmespeicher gleichen saisonale Schwankungen aus und speichern Sommerwärme für den Winter.
  • Intelligente Steuerung sorgt für optimale Effizienz ohne Komfortverlust.

Das Beispiel aus Berlin-Lichterfelde zeigt, dass die Wärmewende keine Zukunftsmusik sein muss. Mit vorhandener Technologie und einem durchdachten Konzept lassen sich selbst ältere Wohnanlagen in effiziente Gebäude verwandeln – ohne dass die Bewohner auf Komfort verzichten oder tief in die Tasche greifen müssen. Holthuizens Ansatz könnte daher als Blaupause für viele weitere Sanierungsprojekte in Deutschland dienen.

Wer mehr über innovative Energielösungen erfahren möchte, findet auf dieser Website weitere spannende Beispiele – etwa zur Cleantech-Branche oder zu Projekten wie der Formel E mit solarbetriebenen Autos. Auch die elektrische Fähre in Norwegen zeigt, wie die Energiewende in der Praxis gelingen kann.

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