Interview mit Daniel Craffonara von Grüner Strom Label e. V.

1

Ökostrom spielt eine immer wichtigere Rolle in Deutschland. Immer mehr Strombezieher möchten Ökostrom, bekommen stattdessen oft Graustrom geliefert. Zwar besteht Graustrom teilweise aus im Ausland gewonnenem Ökostrom, doch fließt der Gewinn nicht in den Ausbau erneuerbarer Energien, sondern dem Stromanbieter in die Tasche. Damit ein hohes Maß an Transparenz und Kontrolle gegeben ist, braucht es unabhängige Vereine, die den Stromanbieter prüfen und feststellen können, ob auch wirklich ausschließlich Ökostrom geliefert wird. Einer dieser Vereine ist der Grüner Strom Label e. V.

Damit du ein besseres Verständnis darüber bekommst, wie der Verein funktioniert, wofür sie sich einsetzen und wie die Kontrollen stattfinden, haben wir ein Interview mit Daniel Craffonara geführt. Daniel erblickte 1978 das Licht der Welt und ist studierter Politologe und Fachjournalismus. Seit 2008 ist er als Leiter der Geschäftsstelle für Grüner Strom Label e. V. tätig. Davor hat er für Eurosolar gearbeitet, nachdem er diverse Praktika in NGOs absolvierte.

Daniel Craffonara vom Grüner Strom Label e. V. - Quelle: Martin Scherag

Daniel Craffonara vom Grüner Strom Label e. V. – Quelle: Martin Scherag

 

Die Fragen zum Grüner Strom Label:

Wer hat den Verein Grüner Strom Label gegründet und warum?

Der Verein wurde im Jahr 1998 von gemeinnützigen Umwelt- und Verbraucherverbänden wie z.B. EUROSOLAR, NABU und BUND gegründet. Energieexperten aus diesen Vereinen haben sich zusammengesetzt und Kriterien für ein Ökostrom-Gütesiegel entwickelt. Damals gab es noch keine Ökostromzertifizierung, das Grüner Strom-Label war also das erste Ökostromlabel in Deutschland. Im Jahr 2013 haben wir dann das Schwesterlabel Grünes Gas für umweltverträgliches Biogas eingeführt, auch in diesem Bereich der erste Ansatz seiner Art.

Die Labelvergabe soll einerseits einen Anreiz für Energieversorger schaffen, wirklich ökologische Strom- und Biogastarife anzubieten und andererseits den Verbrauchern dabei helfen, auf dem komplexen Energiemarkt solche Produkte zu finden. Der Verein will damit eine ökologische Energieversorgung fördern und für mehr Glaubwürdigkeit und Transparenz auf dem Energiemarkt sorgen.

Ihr investiert Subventionen von Ökostromanbietern in erneuerbare-Energien-Projekte. Was können wir uns darunter genau vorstellen und könnt ihr uns ein Beispiel dazu geben?

Genauer gesagt sind es keine Subventionen, sondern Fördergelder, die die Ökostromkunden bereitstellen. Und es ist in der Regel nicht der Grüner Strom Label e.V. (GSL), sondern die Stromanbieter selbst, die diese Fördergelder verwalten und verwenden. Durch den Vertrieb eines gelabelten Produkts verpflichten sie sich dazu, mindestens 1 Cent je Kilowattstunde in ökologische Energieprojekte zu investieren. Verbraucher, die Grüner Strom-zertifizierten Ökostrom beziehen, unterstützen und beschleunigen damit den Ausbau erneuerbarer Energien. Der GSL e.V. gibt die Kriterien für die Fördermittelverwendung vor, begleitet und überwacht den Prozess und berichtet transparent darüber.

Ein Großteil der Förderbeträge fließt in neue Ökokraftwerke, wie Solaranlagen oder Windräder. Darüber hinaus werden auch innovative Energiewendeprojekte, wie Stromspeicher oder intelligente Netze, und Energieeffizienzmaßnahmen gefördert. Ein Projektbeispiel ist das Smart-Home System PORTA, das aktuell von einem unserer Labelnehmer, der PFALZWERKE AG, gefördert wird. Es stellt eine Kombination aus Stromzähler und Geräteüberwachung dar und trägt so zu mehr Energieeffizienz bei.

Gelegentlich bezuschussen wir auch selbst Projekte aus einem zentralen Fonds, in den Fördergelder verschiedener zertifizierter Produkte fließen. So wurde z.B. in den letzten Jahren eine Bürgersolaranlage auf dem Dach einer Grundschule in Sinsheim gefördert und in Brasilien gemeinsam mit der GIZ und einer brasilianischen NGO das erste Solarförderprogramm für Privathaushalte und mittelständische Unternehmen ins Leben gerufen.

In wie fern arbeitet ihr mit Bund- und Ländern zusammen?

Es besteht momentan keine feste Kooperation mit Bund und Ländern, da es sich bei den Labels Grüner Strom und Grünes Gas um freiwillige, nicht-staatliche Zertifizierungen handelt. Wir tauschen uns jedoch mit Akteuren aus Bund und Ländern aus, beispielsweise mit dem Umweltbundesamt.

Wie kontrolliert ihr Ökostromanbieter und stellt sicher, dass diese auch zu 100% Ökostrom verwenden?

Die Stromanbieter haben sich vertraglich dazu verpflichtet, ihre zertifizierten Produkte von unabhängiger Seite überprüfen zu lassen. Die Belieferung der Kunden mit 100 % echtem Ökostrom beispielsweise muss durch Herkunftsnachweise und Stromlieferverträge belegt werden. Dazu werden Unterlagen eingereicht, auf deren Grundlage ein unabhängiges wissenschaftliches Institut prüft, ob die Kriterien des Labels eingehalten wurden. Die Ergebnisse werden in einem Gutachten zusammengefasst, und der GSL e.V. entscheidet daraufhin, ob das Label verlängert wird und welche Auflagen damit verbunden sind.

Viele Stromanbieter werben mit Ökostrom. In Wahrheit verkaufen diese aber Atomstrom und rechtfertigen dies mit Zertifikaten, die im Ausland erworben wurden. Während der Ökostrom in Norwegen produziert wurde, profitierte die Umwelt hierzulande aber nicht wirklich. Wie seht ihr diese Entwicklung und in wie fern ist es wichtig, dass der Ökostrom genau in Deutschland produziert wird?

Der entscheidende Punkt bei einem Ökostromprodukt ist, ob Verbraucher mit ihrer Kaufentscheidung für einen zusätzlichen Umweltnutzen sorgen oder nicht. Ein zusätzlicher Umweltnutzen entsteht aber in der Regel nicht durch den Ein- und Verkauf von grünen Strommengen aus bereits existierenden Kraftwerken, sondern durch garantierte Investitionen in neue Anlagen und Projekte. Beim Grüner Strom-Label ist das der Fall.

Aus Umweltsicht ist es deshalb weniger entscheidend, ob der Strom aus Deutschland kommt oder aus dem Ausland. Wichtig ist bei der Stromlieferung eher, dass es sich nicht nur um eine „fiktive Lieferung“ handelt. Bei „fiktiven Stromlieferungen“, die nur auf Herkunftsnachweisen basieren, wird das Prädikat „Öko“ getrennt von der eigentlichen Strommenge gehandelt. Ein Energieversorger kann mithilfe von solchen frei handelbaren Herkunftsnachweisen seinen Atom- oder Kohlestrom ohne großen Aufwand zu Grünstrom umdeklarieren.

Beim Grüner Strom-Label ist das ausgeschlossen, hier kauft der Energieversorger für seine Ökostromkunden tatsächlich Strom aus einer erneuerbaren Erzeugungsanlage ein. Verbraucher, denen es darüber hinaus wichtig ist, dass ihr Ökostrom in Deutschland oder in der Region erzeugt wird, sollten sich bei ihrem Energieversorger erkundigen, aus welchen Kraftwerken ihr Strom stammt.

Ist es nicht Aufgabe von Bund und Ländern, hier für Transparenz zu sorgen und den Ausdruck Ökostrom nur für in Deutschland produzierten Ökostrom zu benutzen?

Den Begriff Ökostrom nur für in Deutschland erzeugten Strom schützen zu lassen, dürfte europarechtlich schwierig sein. Außerdem ist, wie gesagt, Ökostrom aus Deutschland aus Umweltsicht nicht per se besser als Ökostrom aus dem Ausland.
Im Sinne einer dezentralen und demokratischen Energiewende unterstützt der GSL e.V. vielmehr regionale und lokale Konzepte.

Auf dieser Ebene wäre es wünschenswert, dass die Politik unterstützend wirkt, indem sie die Rahmenbedingungen dafür schafft, dass sich engagierte Bürgerinnen und Bürger vor Ort weiterhin an der Energiewende beteiligen können und dass lokale und regionale Energiegenossenschaften ihren selbst produzierten Ökostrom auch als solchen an Endkunden liefern können. Im Moment ist das nämlich nur unter erschwerten Bedingungen möglich.

Was ratet ihr jungen Aktivisten, die sich ebenfalls für erneuerbare Energien einsetzen möchten?

Der erste und einfachste Schritt ist natürlich, hochwertigen Ökostrom zu beziehen und damit die Energiewende dauerhaft zu unterstützen.
 
Darüber hinaus kann man den eigenen Stromanbieter auch direkt ansprechen und ihn auffordern, sich für den Ausbau erneuerbarer Energien vor Ort einzusetzen. Engagierte Bürgerinnen und Bürger sollten sich zusammentun und prüfen, ob man im Heimatort gemeinsam ein EE-Projekt realisieren und sich für mehr Energieeffizienz einsetzen kann. Deshalb ist es auch immer sinnvoll, andere Bürger über die Vorteile von Erneuerbaren Energien und echtem Ökostrom zu informieren und aufzuklären.

Wenn jemand aktiv bei euch mitmachen möchte, welche Aufgaben hätte er?

Wir bieten regelmäßig Praktika im Bereich Kommunikation und Marketing an. Praktikanten helfen uns dabei, unsere Labels bei Energieversorgern und Verbrauchern noch bekannter zu machen. Dazu unterstützen sie die Pressearbeit, updaten unsere Website, fahren auf Messen und Kongresse, und können auch eigene Projekte übernehmen.

Deutschland gilt als führendes Land in der weltweiten Energiewende. Seht ihr das ebenso und wo seht ihr noch Potential?

Deutschland hat sicher einiges an Pionierarbeit für die weltweite Energiewende geleistet. Es gibt aber noch erhebliche Potenziale. Zum Beispiel ist die Energiewende in Deutschland momentan im Wesentlichen eine Stromwende, während in den Bereichen Wärme und Verkehr zu wenig passiert. Dasselbe gilt für Energieeffizienz, die nicht in dem Maße vorankommt, wie es notwendig wäre.

Vielen Dank an Daniel Craffonara vom Grüner Strom Label e. V.

Wir hoffen, dass dir das Interview gefallen hat und freuen uns über deinen Kommentar! Und wenn du deinen Stromanbieter wechseln und auf zertifizierten Ökostrom umsteigen möchtest, kannst du dir weitere Informationen in unserem Beitrag holen, in welchem dir erklärt wird, worauf du achten musst, wenn du den Stromanbieter wechseln möchtest.

The following two tabs change content below.
Manfred Strecker
Manfred Strecker ist Politikwissenschaftler und Mitglied bei Greenpeace. Manfred untersucht seit seinem Jugendalter Möglichkeiten, die Umwelt nachhaltig durch Technologie zu verbessern und schreibt darüber auf Energieinitiative.org .
4.00 avg. rating (81% score) - 4 votes
Share.

1 Kommentar

  1. Das Interview ist gut gelungen. Interessant. Bisher dachte ich, dass Grünstrom halt Grünstrom ist. Aber wie ich gerade sehe, habe ich noch einiges an Wissen nachzuholen.

Leave A Reply

Show Buttons
Hide Buttons